Freitag, 4. Mai 2012


Seit Pareto ist bekannt, das die Bildung von Vermoegen Konzentrationsprozessen unterliegt, die ueber Zeit stark ungleiche Vermoegensverteilungen hervor bringen. 
Seit Gibrat ist bekannt, dass solche Konzentrationsprozesse auch auf Firmen(groessen) inkl. Banken wirken. Empirisch sind sie immer wieder belegt. Juengst durch einen Report der Credit Suisse und durch eine Studie der ETH Zuerich (Global Wealth Report, Global Network of Corporate Control).
Auch die massiv schaedliche Wirkung dieser Konzentrationsprozesse auf die Qualitaet der wirtschaftlichen Entwicklung ist bekannt, sowie es auch ernstzunehmende Vorschlaege zu ihrer Ueberwindung gibt  (2).  Doch all das wird seit mehr als drei Jahrzehnten ignoriert oder unverstanden zur Seite gelegt, weil es nicht in die Konzepte der vorherrschenden Ideologie neoliberaler Praegung und die neoklassischen Konzepte der sog. Wirtschaftswissenschaften passt. Und das selbst dann noch, wenn bedeutende Banken und weltgroesste Versicherungsunternehmen zusammenbrechen oder nur durch massive staatliche Hilfe vor dem Zusammenbruch gerettet werden koennen. Selbst der Zusammenbruch ganzer Staaten und Volkswirtschaften scheint die Bereitschaft, die mangelhaften Faehigkeiten aus Wahrnehmungen angemessene Schluesse zu ziehen bzw. die gewisse Traegheit und Schwerfaelligkeit im Auffassungsvermoegen zu ueberwinden, nicht zu erhoehen. Was muss denn noch passieren, moechte man da laut schreiend fragen!

Doch zuvor moechte ich versuchen es noch einmal in aller Ruhe an einem hoffentlich anschaulichen, einfachen Beispiel zu erklaeren.
Nehmen wir an, wir haben eine Population von 1000 Individuen oder Firmen. Nehmen wir weiter an, das es eine Bank gibt, die zum Zeitpunkt 0 jeder Firma bzw. jedem Individuum einen gleich grossen Kredit von 1$ gewaehrt. D.h. jeder dieser Akteure fuehrt ab sofort zwei Konten bei der Bank, ein Schuldkonto in Hoehe von -1$ und ein Haben Konto von +1$. Die Bankbilanz belaeuft sich somit auf einen Umfang von 1000$ + Eigenkapital(Barreserven). Die Nettoverschuldung der Akteure ist Null. Der zu zahlende Zinssatz auf die Schulden betrage 5% p.a.. Die Akteure werden mit ihrem Guthaben wirtschaftlich aktiv und bekommen am Ende jeden Jahres dafuer eine zufaellige Rendite zugewiesen,
die im Schnitt ueber die Population von Akteuren ebenfalls 5% p.a. betraegt und ueber die Population betrachtet, einer Normalverteilung gehorcht, die Beispielhaft mit einer Streuung von 0.2 angesetzt wird. Diese Zuweisung einer zufaelligen prozentualen Rendite auf das bis dahin erwirtschaftete Kapital wiederholt sich jaehrlich, so wie sich die Belastung des Schuldkontos in herkoemmlicher Zinseszinsmanier mit dem festen Zinssatz von 5% wiederholt. Nach 75 Jahren betrachten wir den bis dahinn erreichten Stand der so gefuehrten Konten. Die Fragen, die uns interessieren sollten, sind:


Wie hat sich die "Gesamtwirtschaft" (Summe aller Habenkonten) entwickelt?
Wie sieht die Verteilung des "gesamtwirtschaftlichen Erfolgs" aus?
Wie hat sich die Bilanz (Summe aller Habenkonten- Summe aller Schuldkonten) der Bank entwickelt?
Ist sie immer ausgeglichen?

Die Antworten koennten erschuetternder nicht sein.

1.) Die Gesamtwirtschaft kommt mit einer Wachstumsrate von im Schnitt knapp ueber 3% p.a. raus.
2.) Der "erfogreichste" Akteur kommt mit einer durchschnittlichen Rendite von typisch ca. 10% p.a. raus.
3.) Der schlechteste Akteur kommt mit durchschnittlichen Renditen von ca. -4% p.a. raus.
4.) Der Theil-Index steht bei 1,3. D.h. 20% der Akteure verfuegen ueber mehr als 80% der Vermoegen.

x-Achse=Zeit in Jahre, y-Achse Theilindex

5.) Fuer weit ueber 50% der Akteure ist die Bilanz (Habenkonto-Schuldkonto) negativ.
6.) Der Verlauf der Bankbilanz (Passiva-Aktiva) (*)wird nach 20-25 Jahren vollkommen unvorhersehbar und kann extreme Ausschlaege in beide Richtungen vollziehen.
Dahinter verbirgt sich das Problem der "Differenz grosser Groessen" das mit steigender Vermoegenskonzentration in der Kundschaft zunehmend unberechenbarer wird.
Beispielhafter Verlauf der Differenz Bank Passiva-Aktiva
x-Achse Zeit (t-20), y-Achse StdDev Passiva-Aktiva

Das spiegelt sich natuerlich auch in der Streuung der Bilanzdifferenz wieder, die im Bild oben ueber Zeit fuer die Streuung der jeweils vergangenen 20 Jahre dargestellt ist.
Das gleiche Bild ergibt sich fuer die Streuung der gesamtwirtschaftlichen Wachstumsrate in % (Growth %YoY). Aus der Qualitaetssicherung weiss man aber, das ein Prozess, dessen Streuung ansteigt, seine Faehigkeit zur Qualitaet verliert und so droht zunehmend unkontrollierbare Ergebnisse zu liefern.

x-Achse Zeit (t-20), y-Achse StdDev Growth %YoY


Und das in einer Wirtschaft, in der es im Schnitt gut laeuft. In einer Wirtschaft, in der der Erfolg im Schnitt, ueber die Population betrachtet, im Jahr 5% betraegt. In einer Wirtschaft in der die Zuweisung des jaehrlichen Erfolgs nur durch den Zufall bestimmt wird (normalverteilte Renditen mit Durchschnitt 5% und Streuung 0,2).  Keine Machtstrukturen, Seilschaften, Oligopole, Monopole, Lobby, etc. "Nur" die sich durch einen stochastischen, multiplikativen Prozess ergebende und ueber Zeit verschaerfende  log-normal Verteilung der Vermoegen. Wer dies alles nicht glauben will, kann es in einem Spreizblatt (***) auf seinem PC sehr einfach nachvollziehen. Die analytische  Herleitung dazu findet sich hier.

Nun leben wir aber nicht in einer "Zufalls" Wirtschaft, sondern in einer Gesellschaft, die verblendet durch die neoliberale Ideologie diesen "natuerlichen" Effekt noch verstaerkt, anstatt die das Ueberleben sichernde Weisheit aller Kulturen und Zivilisationen, die diese Namen verdienen, zu beachten und einen Ausgleich zwischen Arm und Reich, Schwach und Stark herzustellen und so einer Eskalation dieses systemimmanenten Problems entgegen zu wirken.

Eine moderne, arbeitsteilige Gesellschaft, die derart abhaengig von einer funktionierenden Koordination zwischen ihren verschiedenen Bereichen und Funktionen geworden ist, wie die unsere, kann ohne Vertrauen und ein bestimmtes Mass an Kohaesion nicht existieren. Sie kann sich eskalierende soziale Konflikte einfach nicht leisten. Eine Ideologie, die dies nicht einsehen will, und jedes Argument, das auf diese Notwendigkeit hinweisst, kalt laechelnd abtut, ist nicht nur dumm sondern fatal. Eine sog. Wissenschaft, die sich den zentralen Lebensbereich Wirtschaft zum Objekt ihrer "Forschung" gewaehlt hat und sich in ihrem Mainstream dabei auf Theorien kapriziert, die nicht nur Krisen und ihre Entstehung nicht erklaeren kann, sondern deren Ursachen noch verstaerkt, ist ueberfluessig wie ein Kropf.  Eine Gesellschaft, die dadurch die mehr als deutlichen Symptome nicht wahrnehmen will oder kann und die tieferen Ursachen ihrer Entstehung nicht verstehen(**)  will oder kann, ist dumm und zerstoert sich selber.

Sapere Aude!

Georg Trappe

(*) Ich weiss, eine Bilanz muss per Definition immer auf Null aufgehen. Was ich verdeutlichen will, ist die eskalierende Diskrepanz zwischen einer stur mit 5% p.a. wachsenden und per Zinseszins fortgeschriebenen Verschuldung und dem wirklichen Leben, in diesem Fall abgebildet durch einen stochastisch multiplikativen Prozess. Fuer die Pingeligen: Lassen sie die Differenzen einfach auf ein Eigenkapital von anfaenglich 100 = 10% wirken und schliessen sie die Bank wenn es aufgezehrt ist.
By the way. Das Problem tritt auch dann auf, wenn der Zinssatz fuer die Schuldkonten ueber Zeit sinkt und sich so der durchschnittlichen realwirtschaftlichen Entwicklung anpasst.

(**) Ein Beispiel des Nichtverstehens (1). Nicht der riesige Schuldenberg alleine ist das Problem, sondern die Kombination aus exponentiell wachsenden Schulden / Vermoegen und einer mit ihr einhergehenden und stetig fortschreitenden Konzentration dieser Vermoegen. Fuer Zeiten nahe dem gleichverteilten Ursprung diese Beispiels, spielt es keine Rolle wenn einer der 1000 mit -100% das Jahr abschliesst. Das waere 1 Promille. Aber am Ende der Zeitreihe dieses Beipiels, spielt es durchaus eine erhebliche Rolle, ob einer der "Global Player", der die Rangliste anfuehrt, die 5% bringt oder nur 4%. Es wird sogar zunehmend unwahrscheinlicher, dass das konzentrierte Vermoegen den Durchschnitt schafft oder uebertrifft. Denn die Wahrscheinlichkeit mit der bestimmte Renditen erzielt werden, ist nicht vermoegensabhaengig sondern normal verteilt ueber die 1000 Player. Die Versuche der "Global Player" dies per Macht zu "korrigieren" gelingen ja offensichtlich immer wieder (siehe "too big to fail"). Das fuehrt aber letztendlich nur zu einer Verschaerfung des Problems, denn die Konzentration schreitet weiter fort und die Zukunft der erzielbaren Renditen bleibt weiter ungewiss und normal  verteilt, was in der vorherrschenden Logik eine zunehmende und  rigidere Machtausuebung zur "Korrektur" durch die "Global Player" erfordert. Das laeuft dann auf Planwirtschaft hinaus, in der der Zufall durch einen machtvoll implementierten Plan ersetzt werden soll. Dabei weiss doch jeder, dass Planung nur den Zufall durch Irrtum ersetzt;-).
Oder Frau Merkel?

(***) Ich habe das Spreizblatt inzwischen noch etwas ausgebaut und aktualisiert. Es kann sehr einfach auf groessere Populationen, z.B. 10000 oder mehr erhoeht werden. Die Simulationsdurchlaeufe kosten dann aber deutlich mehr Rechenzeit und Speicher.
Das "Spielen" mit den Parametern macht dann weniger Spass.
Aber die Kurven werden dann etwas "glatter", doch die Kernaussagen bleiben davon unberuehrt bestehen. Jeder Dualcore PC mit 1GByte RAM sollte das aber locker bewaeltigen koennen. Das Spreizblatt ist mit Gnumeric erstellt, was fuer solche Zwecke responsiver arbeitet als OpenOffice / LibreOfiice oder kommerzielle Programme. Das Programm kann in der Windowsversion hier herunter geladen werden.

Wichtige Ergaenzung 7Nov2011: Der Grund fuer das "Uebersehen" dieses fatalen Effekts ist die unterstellte Ergodizitaet des Systems. Das trifft aber bei offenen gleichgewichtsfernen Systemen, z.B. bei Systemen die eine Phase exponentiellen Wachstums durchlaufen und damit extrem empfindlich auf den Anfangszustand reagieren, nicht oder zumindestens nicht immer zu. Symmetriebrechende Phasenuebergaenge, bzw. ihre Moeglichkeit stehen dem auch im Wege. Ich habe das mal versucht pointiert in einem Leserartikel der ZEIT anzusprechen, nachdem mir dort ein Kollege/Mathematiker? erklaeren wollte, dass das Wetter bzw. das Lorenzsystem ergodisch sei. Die Resonanz war erstaunlich wenig abweichend von Null.
Siehe auch Ergodenhypothese. Das ein Leon Walras das nicht wusste, ist sicherlich entschuldbar. Aber spaetestens seit Gibrat haette man hellhoerig werden muessen.

Nachtrag 9Nov2011: Um das mit der Ergodizitaet und der Bedeutung der Erdogenhypothese auch nochmal bildlich nachvollziehbar zu machen. Die Erdogenhypothese ist ein zentraler Bestandteil der statistischen Mechanik. Wenn sie nicht aufrecht erhalten werden kann, dann bricht die Gueltigkeit der Aussagen und der Methoden der statistischen Mechanik zusammen.
Dem System Wirtschaft Ergodzitaet zu unterstellen, ist aus verschiedenen Gruenden zweifelhaft. Denn Ergodizitaet bedeutet Schaarmittel=Zeitmittel. Wuerfel erfuellen diese Bedingung. Der Mittelwert von 1000 sequentiellen Wuerfelwuerfen (Zeitmittel) oder einem Wurf von 1000 Wuerfeln auf einmal (Schaarmittel) ist gleich. Auch die Streuung ist gleich. Nun stellen sie sich die Frage ob die  Ergebnisse einer wirtschaftlich aktiven Person am Ende von 1000 Tagen im Mittel und in der Streuung dem ensprechen, was eine Population von 1000 wirtschaftlich aktiven Personen im Mittel  (und der Streuung) pro Person an einem Tag abliefert. Wenn Sie sich bei der Beantwortung der Frage unsicher sind, dann schauen sie mal hier .
Desweiteren erfordert der Nachweis von Ergodizitaet eine Betrachtung ueber lange, gegen Unendlich gehende Zeitraeume. Aufgrund der Erhaltungssaetze kann man bei Atomen und Molekuelen "ewiges Leben" annehmen. Doch welcher wirtschaftliche Aktivist lebt ewig?  Wirtschaft ist ein offenes System, in das neue Akteure eintreten und das von Akteuren altersbedingt verlassen wird und das, wenn man ueberhaupt von einem Gleichgewicht reden will, in einer Art Fliessgleichgewicht steht. Und was mit Fluessen, ausser das sie manchmal laminar und manchmal turbulent sind, so alles passieren kann, weiss man auch seit laengerem.
Atome und Molekuele kommunizieren in der statistischen Mechanik im wesentlichen durch "Stoesse". Wir leben zwar in einer Ellebogengesellschaft, aber da laeuft doch mehr zwischen den wirtschaftlichen Aktivisten ab als zwischen Billardkugeln. Oder?
Und haben sie schon mal ein Atom oder Molekuel gesehen, das seine Nachkommen gross zieht, sorgsam behuetet, ausbildet und belehrt, um ihm dann irgendwann sein Erbe zu uebergeben? Ich nicht. Aber im Grunde laufen die Theorien der Mainstream Wirtschaftswissenschaften darauf hinaus, das sich wirtschaftlich aktive Menschen wie Atome und Molekuele in einem geschlossenen System verhalten und daher durch Zustandsgroessen wie Druck und Temperatur,  die im Mittel fuer alle gleich sind, beschreiben lassen. Das man dabei einen Effekt, wie den oben beschriebenen, mit seinen fatalen Wirkungen fuer die Gesamtwirtschaft uebersieht, spielt anscheinend keine Rolle. Das die Banken bereits vor der Krise diesen Effekt kannten und sich so sicher fuehlten, dass sie sich oeffentlich als Katalysatoren angeboten haben, zeigt diese Geschichte . Das sie davon inzwischen nichts mehr wissen wollen und das vertuschen wollen, ist auch klar. Das der Verfasser des Plutonomy Reports aber mittlerweile bei der Deutschen Bank sein horrendes Geld verdient, sollte einem zu denken geben (4), (5). Und dass das Vertuschen dieses Effekts einer Loesungsfindung nur im Wege steht auch. Man kann das Problem der  Differenz grosser Groessen, die sich exponentiell entwickeln, mit dem Schmankerl, das die eine Seite nicht nur stark streuende stochastische Elemente enthaelt, sondern diese auch noch einem stetig fortschreitenden Konzentrationsprozess unterliegen, nicht durch Vertuschung und Gesichtswahrung loesen. Man muss es verstehen, seine verheerende Wirkung erkennen und anerkennen, um dann die richtigen Schluesse ziehen und in wirksame Massnahmen ueberfuehren zu koennen. Das, und nichts anderes ist gefordert. Die Zeit, die man mit Bail outs, Versicherungsloesungen, Rettungsschirmen = geldpolitischen Massnahmen kaufen kann, laeuft davon. Oder richtiger ausgedrueckt, der Preis fuer ein Jahr Problemloesungszeit steigt exponentiell.


Nachtrag 11Nov2011: Da die Banken sich der Risiken, die sie mit exzessiv ausuferernden Krediten gezuechtet haben, inzwischen nicht mehr durch trippel A rated Buchstabensuppe Papiere (ABS, CDOs, usw. usf.) entledigen koennen, betreiben sie nun folgendes Risikomanagement. 
Das Elend ist, dass diese Risiken einmal in die Welt gesetzt  fortbestehen und nun zu einem Teil eines schaebigen Schwarze Peter Spiels werden.

Nachtrag 17November2011: Einige Hinweise auf das Ausmass des ideologisch bedingten "blinden Flecks"  der zum "Uebersehen" dieses Effekts fuehrt, finden Sie auch hier und
hier.


Nachtrag 20November2011: Ich habe soeben festgestellt, das mein Profil und damit mein Zugang zu all meinen Kommentare und Leserartikel der vergangenen Jahre auf ZEIT Online geloescht wurden. Ich hatte zuvor in einigen Kommentaren auf den obigen Artikel verlinkt. Diese Kommentare waren mir zum Teil geloescht worden, mit der lapidaren Bemerkung eine Verlinkung auf eigene Webseiten sei nicht gewuenscht, dazu gebe es das Profil. Nachdem ich meine Kommentare entsprechend korrigiert hatte und dabei auf mein Profil bei ZEITOnline verlinkt hatte und ein Email an die Redaktion mit der Bitte diesen Artikel doch evtl. in redaktionell ueberarbeiteter Form als Leserartikel aufzunehmen gesendet hatte, nun die Loeschung des Profils = Zugang zu Beitraegen meinerseits zu vielen Diskussionen und Artikeln  um das Thema Auswirkungen der noeliberalen Ideologien auf die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung in den vergangenen Jahren. Und das ohne weitere Erklaerungen oder Kontakt (z.B. per Email) durch die ZEITOnline Redaktion. Ich finde das ist ein bemerkenswertes Vorgehen gegenueber einer fundierten Kritik zu einem aktuellen und hoch brisantem Thema.

Risiko Grossbanken: Das grosse Zittern vor dem Absturz

Donnerstag, 3. Mai 2012

Das Fettaugensyndrom aus Sicht der Banken

In meinem Artikel "Das Fettaugensyndrom" habe ich den Lesern eine Computersimulation vorgestellt, die die stetig ansteigende Konzentration von Vermoegen inkl. Geldvermoegen modellhaft nachvollzieht und ansatzweise die destabilisierende Wirkung auf das Bankensystem verdeutlicht.
Diese Simulation basiert auf einem Modell, das an der Universitaet von Minnesota, USA von einer Forschergruppe entwickelt wurde. Die Veroeffentlichung, die die mathematischen Grundlagen des Modells enthaelt finden sie hier (1). Die Veroeffentlichung spricht von Entrepreneurs, also Unternehmern, die versuchen ihr Kapital zu vermehren. 
Ich betrachte aber jeden wirtschaftlich aktiven Menschen, der

1.) das Potential hat Ueberschuesse, also mehr als er verbraucht, zu erwirtschaften.
2.) bestrebt ist, diese Ueberschuesse so einzusetzen, also zu reinvestieren, dass eine Produktivitaetssteigerung entsteht, die ihm ermoeglicht eine wirtschaftliche Entwicklung zum "Besseren" zu betreiben.
3.) ueber Zeit und im Vergleich zu anderen dabei wechselnd erfolgreich ist.
-
Ich denke das sind vertretbare Annahmen, auf die das Modell bzw. die Computersimulation aufbaut.  Das erstaunliche ist, das dieser Annahmensatz alleine ausreicht, um die Entstehung von massiven Vermoegenskonzentrationen ueber Zeit zu erzeugen. Die staendige und konsequente Anwendung der "Erfolgsformel": Reinvestition von Ersparnissen und Gewinnen erzeugt zwangslaeufig diese zunehmende Konzentration der Vermoegen in den Haenden weniger, wenn die individuellen Erfolge zeitlich und im Vergleich zu den Mitmenschen zufaellig um einen Mittelwert schwanken.
Dies bildet sich natuerlich auch in der Verteilung der Geldvermoegen und damit in den Bankbilanzen ab. Die folgenden Bilder sollen das illustrieren. Wir gehen dabei zunaechst von einer Gleichverteilung aus. D.h. die Bank gewaehrt allen wirtschaftlich Aktiven einen gleich hohen Kredit, in dem sie in ihrer Bilanz fuer jeden zwei gleich grosse Eintraege vornimmt. Zum einen die Forderung der Bank gegen den Kreditnehmer auf der Aktivseite der Bilanz und dann den gleich grossen Betrag als Guthaben des Kreditnehmers auf seinem Girokonto, ueber das er nun verfuegen kann und mit dem er wirtschaftlich taetig wird, auf der Passivseite der Bilanz.

Ohne weitere Komplikationen wie Zinsen, Bilanzerweiterung durch zusaetzliche Kredite etc.
entsteht nach einer gewissen Zeit daraus folgendes Bild.


Da die Banken ihre Bilanzen immer ausgeglichen halten muessen, entsteht fuer sie das Problem das einige wenige Kunden gigantische Einlagen bei ihnen haben denen kaum Schulden gegenueberstehen und immer mehr Kunden Schulden haben deren Bedienung staendig aussichtsloser wird, da ihre Manoeveriermasse = liquides Geldvermoegen immer geringer wird. Der gedachte Mechanismus um das im Ernstfall, also einem Kreditausfall auszugleichen ist das haftende Eigenkapital, das bei solchen Kreditausfaellen ueber die GuV in Anspruch genommen wird. Das reicht aber in keinem Fall bei einem derartig progressiven Problem. Denn im obigen Schaubild wuerde der Ausfall des Kredits des Kunden #1 schon nahezu das gesamte Eigenkapital verzehren, wenn die hinterlegte Sicherheit nichts oder nur wenig bringt. Das Fettaugensyndrom wird also ueber Zeit zu einem lebensbedrohendem Problem fuer die Banken, da ein Ausgleich der beiden Seiten der Bilanz mit der Zeit immer unmoeglicher wird.  Daher die ganzen ungeeigneten Versuche der Banken das fuer sie toedliche Problem zu “loesen” und dabei noch Geld zu verdienen.

1. Wachstum, Kreditexpansion, Bilanzverlaengerung: Dann wird der Teich auf dem die Fettaugen schwimmen zwar immer groesser und es haben auch wieder kleinere Platz, aber diese werden unweigerlich von den grossen ueber Zeit gefressen. Also Kreditexpansion naehrt letztendlich die Fettaugen und macht das Problem nur groesser. Gleichzeitig induziert es die dynamischen Probleme die Steve Keen erklaert. Das sieht dann so aus:


2. CDS. Kreditausfallversicherungen sollen das Risiko gleichmaessiger verteilen. Es landet dann bei AIG, dem Versicherungsfettauge und schon war aus die Maus, oder bei anderen Banken, die genau das gleiche Problem haben. Keine gute sondern eine aeusserst dumme Idee.

3. Verbriefung und Buchstabensuppe. Das ist “Die Loesung”. Da werden also die vielen wacklig werdenden Kredite, also die Risiken in der Bilanz en gros an sog. FMKG (Finanzmantelkapitalgesellschaften) verkauft, die diese dann “strukturieren” und als sog. strukturierte Finanzprodukte z.B. Zertifikate verkaufen. Das sind Anleihen, die mit einem hoeheren Zins locken aber durch ein Buendel von Konditionen, also mit einer Wahrscheinlichkeit groesser Null auch total ausfallen koennen. Diese Wahrscheinlichkeit wird von diesen FMKGs so eingestellt, dass sie hoeher ist als die tatsaechlich Ausfallwahrscheinlichkeit des unterliegenden Kreditbuendels. Dieses Zeug wird dann Kunden verkauft, die keine oder nur relativ geringe Schulden haben aber uebergrosse Guthaben verfuegen. Und schon ist das Fettaugenproblem aus Sicht der Banken zumindest ein stueckweit geloest und sie hat noch daran verdient. Denn wenn die unterliegenden Kredite durchhalten und nicht ausfallen, dann bekommt der Zertifikatekunde schlimmstenfalls seine hoeheren Zinsen und sein Kapital zurueck, aber es bleibt immer noch was fuer die Bank haengen. Da die Konditionen dieser Zertifikate so sind, das sie wahrscheinlicher ausfallen als das unterlegte Kreditbuendel ist das Risiko des Ausfalls fuer die Bank (Kreditbuendel faellt aus, Zertifikat laeuft durch, da Ausfallkonditionen nicht gerissen werden) auf jeden Fall geringer als es ohne diese Zertifikate waere. Das grenzt dann schon an dem was man Betrug nennt.
Ein Beispiel ist hier ganz ausgezeichnet recherchiert.
Im grossen Stil sind auf diese Art des sog. Risikomanagements bzw. der Risikoentsorgung die europaeischen Banken  herein gefallen als sie den triple A rated CDO, ABS Buchstabensuppe Schrott von ihren Wall Street Kollegen in Unmengen gekauft haben. Siehe auch:
http://diebankensinddiedummen.blogspot.com/2012/04/gedanken-zum-ursprung-der-krise.html

4. Bad Banks. Das sind Banken, die man gerne verstaatlicht oder direkt vom Staat gruenden laesst, um dort die wackligen Forderungen einem staatlichen Eigenkapital gegenueber zu stellen.
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Sie sehen also, das Fettaugensyndrom, wie ich die staendig fortschreitenden Konzentrationsprozesse bei den individuellen Vermoegen inkl. Geldvermoegen, aber auch bei Firmen und Staaten genannt habe, fuehrt zu einer Instabilitaet durch Ungleichheit, die meiner Meinung nach zusaetzlich zu Steve Keens dynamischer Instabilitaet via Geldschoepfung und Asset Price Inflation wirkt und so auch das "merkwuerdige" Verhalten der Banken und die Entstehung ihrer sog. Finanzinnovationen erklaert. Das diese eine Verbesserung des bankinternen Ausgleichmechanismus bei Kreditausfaellen (Haftung des Eigenkapitals) durch hoehere Eigenkapitalanforderungen inzwischen erfolgreich bekaempfen, ist nur ein Beweis mehr dafuer, dass die Finanzoligarchie den Staaten inzwischen auf der Nase rum tanzt un die leaglisierte Korruption aka Lobbyismus ganze Arbeit leistet.

Sapere Aude!

Georg Trappe

(1) Fargione JE, Lehman C, Polasky S (2011) Entrepreneurs, Chance, and the Deterministic Concentration of Wealth. PLoS ONE 6(7): e20728. doi:10.1371/journal.pone.0020728